Grenzstreitigkeiten

Die niedersächsisch-mitteldeutsche Grenze an der unteren Werra

Bei Niedergandern tritt die Leine, nachdem sie der Enge des eichsfeldischen Berglandes entronnen ist, auf hannoversches Gebiet. Nur eine gute Stunde weit von hier fließt die Werra. Die beiden Flüsse nähern sich an dieser Stelle also bis auf eine geringe Entfernung. Eine von beiden Seiten her langsam ansteigende Wasserscheide trennt sie.
Drei Provinzen berühren sich in diesem schmalen Streifen zwischen Werra und Leine: Sachsen, Hannover und Hessen-Nassau. An den nicht weit vom Eichenberger Bahnhofe gelegenen Schmiedeköpfen stoßen sie zusammen. Hannover und Hessen waren bis 1866, das zu Kurmainz gehörige Eichsfeld bis zum Jahre 1803 selbständig, während heute alle drei Gebiete dem Staate Preußen angehören. An jener Stelle, wo sich das Eichsfeld mit den beiden anderen Ländern berührte, stand einst ein Grenzstein mit den Buchstaben K.F.H. (Kurfürstentum Hessen), K.P. (Königreich Preußen) und K.H. (königreich Hannover). Es lebt im Munde des Volkes fort, daß sich an diesem Stein mitunter die Lehrer der Ortschaften Reckershausen, Hohengandern und Eichenberg trafen, um darauf Karten zu spielen - der Hesse mit dem Hannoveraner und dem Preußen (Eichsfelder) , der Reformierte mit dem Lutheraner und dem Katholiken. Und jeder saß in seinem Lande!

Damit ist das Grenzproblem, das uns im Folgenden Hauptsächlich beschäftigen soll, in großen Zügen gekennzeichnet. Es hatte nicht nur seine politische, sondern auch seine konfessionelle Seite. Nicht nur die staatlichen Interessen brachten hier an der Grenze allerlei Gegensätze und Reibereien mit sich, auch die konfessionellen Unterschiede riefen erbitterte Streitigkeiten hervor.
Wenn man den Verlauf der hannoversch-hessischen Grenze in der Werragegend verfolgt, so findet man, daß die Provinz Hessen-Nassau tief in den Landkreis Göttingen greift. In diesem rechts der Werra gelegenen Zipfel liegen die zum Kreise Witzenhausen gehörenden Dörfer Marzhausen, Hermannrode, Hebenshausen, Berge, Eichenberg, Unterrieden, Bischhausen, Gertenbach und Albshausen sowie die Schlösser Berlepsch und Arnstein und die Güter Neuenrode, Freudenthal und Hübenthal. Von diesen Ortschaften waren vom 16. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein die ersten vier und das Gut Neuenrode zwischen Hessen und Hannover streitig. Dazu kamen noch die heute zu Hannover zählenden Orte Reckershausen, Niedergandern und die Hälfte von Mollenfelde.
Wer die oft rätselhafte Gegenwart verstehen will, muß in die Vergangenheit zurückblicken, um die Wurzeln, aus denen die gegenwärtigen Verhältnisse organisch gewachsen sind, bloßzulegen. Heute sind nicht nur die Landesgrenzen festgelegt, sondern auch die Grenzen der Gemarkungen zweier Dörfer. Ja, zwischen zwei Äckern, die nicht einem und demselben Besitzer gehören, zeigen Steine die Grenze an. Es ist ausgeschlossen, daß in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt, also zu der Zeit, da die Cherusker und Chatten die Täler und Berge der Werra und Leine bewohnten, schon eine genaue Grenzlinie vorhanden war. Diese wurden von Flüssen, Wäldern, Mooren und anderen Verkehrshindernissen gebildet. Es können für diese Frühzeit nur Grenzräume angenommen werden. Es ist in diesem Zusammenhange sicher sehr interessant, daß das deutsche Wort "Grenze" im Altnordischen mit "Wald" gleichbedeutend ist.
Nach der Lebensbeschreibung der hl. Luitburg teilte der Harz Thüringen und Sachsen, was ja in mundartlicher Hinsicht auch heute noch der Fall ist. Sollten die Berge zwischen Friedland und Witzenhausen und die Werra nicht auch eine Grenze gebildet haben?
Etwas lichter wird es zur Zeit der Gauverfassung. Damals bildete durchweg die Werra die Scheide zwischen dem echt niedersächsischen Leinegau, der im Westen bis zur Weser, im Osten bis ans Eichsfeld reichte, und dem frankischen Hessengau (Pagus Hessorum). An der Südgrenze des Leinegaues lagen auf der heutigen hannoverschen Seite u. a. die Ortschaften Wiershausen, Lippoldshausen, Hedemünden, Gertenbach, Hübenthal, Eichenberg, Arnstein, Hottenrode, Reckershausen, Reiffenhausen usw.
Schon zur Zeit der Merowinger und der Karolinger lief hier im Werragebiete die Grenze des ostfränkischen Reiches, und um das Jahr 1000 berührten sich dort die Herzogtümer Sachsen, Franken und Thüringen. Man sieht also, daß die streitigen Dörfer samt und sonders zum Leinegau und somit zu Sachsen gehörten.
Die alte Gaugrenze war also in diesem Falle zugleich eine stammes- und damit auch eine Sprachgrenze. Es steht für mich ziemlich sicher fest, daß alle Dörfer, die zum Leinegau zählten, früher niederdeutsch sprachen, auch diejenigen, die heute zu Hessen gehören.
Es ist schade, daß man sich nicht schon vor 100 oder 200 Jahren ernstlich und gründlich mit dem Problem der Mundarten in den auf dem rechten Ufer der Werra gelegenen Dörfern des Kreises Witzenhausen beschäftigt hat. Heute ist der ursprüngliche Zustand durch die Freizügigkeit und die jahrhundertelangen amtlichen Beziehungen zu Hessen längst verwischt. Hätten z. B. Berge, Hebenshausen und Eichenberg anstatt zu Hessen zu Hannover gehört, so würden sie sicher heute noch plattdeutsch sprechen. Es läßt sich doch nicht leugnen, daß auch in unserer schnellebigen Zeit die Provinzgrenzen immer noch eine nicht unbedeutende Scheidewand bilden. Wenn Hermannrode und Marzhausen trotzdem plattdeutsch geblieben sind, so hat das außer der abgeschlossenen Lage und der Nähe der hannoverschen Grenze doch wohl vor allem seinen Grund in den wirtschaftliche und Verkehrsbanden. In dieser Beziehung gravitieren die beiden Dörfer durchaus nach dem Tale der Leine und nach der Stadt Göttingen.
Im Jahre 1883 erschien zu Halle ein Schriftchen des Oberlehrers B. Haushalter unter dem Titel "Die Sprachgrenze zwischen Mittel- und Niederdeutsch", das freilich das Werratal nur ganz kurz streift. Auf Veranlassung des Verfassers erließ der damalige Landrat des Kreises Witzenhausen ein Rundschreiben an die in Betracht kommenden Pfarrer. Nach deren und anderen Berichten war damals Hermannrode durchweg niederdeutsch, Marzhausen dagegen nur zum Teil. Was letzteren Ort anbetrifft, so ist die gemachte Einschränkung heute gegenstandslos. Marzhausen und Hermannrode können noch heute als gut plattdeutsche Dörfer gelten. In Hebenshausen wurde nach Haushalter ein eigentümliches, dem hannoverschen ähnliches Platt gesprochen. Beispiele: Faut = Fuß, eck = ich, deck = dich, seck = sich.
Dagegen hieß es abweichend vom Plattdeutschen "jei hen" statt "ji hibbet" = ihr habt. In der Sprache mancher Bewohner fand Haushalter eher Anklänge an das Eichsfeldische denn ans Hessische. Heute sprechen nur roch 12 bis 15 Menschen in Hebenshausen plattdeutsch.
Aber auch das hessische Platt hat sich nicht einbürgern können, da die meisten Bewohner hochdeutsch reden. Ein Anklang an das Niederdeutsch ist das weiche "st" . Der starke Rückgang der niedersächsischen Mundart in Hebenshausen ist kein Wunder, wenn man bedenkt, daß von den vor 100 Jahren dort wohnhaften bäuerlichen Familien nur noch ein geringer Bruchteil, nämlich 15 bis 20 v. H., ansässig sind. In dem dicht bei Hebenshausen gelegenen Berge spricht man gleichfalls vorwiegend hochdeutsch mit einigen plattdeutschen und eichsfeldischen Brocken, z. B. "me han" = "wir haben", "unnen" = "unten", "Wese" = "Wiese".
Ganz ausgestorben ist das Plattdeutsche heutzutage in Eichenberg, das bei Haushalter als hessisch erscheint. Doch beweisen Sprachproben aus der Pfarrchronik, daß auch dort früher das Plattdeutsche als Umgangssprache diente. Unterrieden, Bischhausen, Gertenbach, Hübenthal und Neuenrode kennen ebenfalls kein Platt.
Auch die staatliche Entwicklung Hessens bestätigt die Richtigkeit meiner Auffassung durchaus. Die Wiege des Hessenlandes ist der Hessengau. Dessen Nordgrenze lief etwa von Laubach über Münden, Bonafort, Zierenberg bis in die Nähe von Oberelsungen. Im Westen reichte er ungefähr bis zu einer Linie, die durch die Ortschaften Oberelsungen, Bühle, Sachsenhausen, Bringhausen, Frebershausen, Schönau, Landsburg, Grenzebach, Steina, Zella, Hattendorf, Eibenrode, Eisa, Renzendorf und Hergersdorf bezeichnet wird.
Die Südgrenze lief etwa über die Ortschaften Schwarz, Grebenau, Niederaula, Hersfeld bis in den Seulingswald, die Ostgrenze von hier über Hönebach, Machtlos, Solz, Rautenhausen, Seifertshallsen, Dankerode, Bischoferode, Küchen, Velmeden, Laudenbach, bis nach Laubach. Das heute zu Hessen gehörige Gebiet an der unteren Werra wurde also nicht von den Grenzen des Hessengaues eingeschlossen. Es gehörte vielmehr zu Thüringen, während Münden und das sog. Obergericht Bestandteile des genannten Gaues waren. Das der echt niedersächsische Leinegau bis an die Werra reichte, wurde bereits erwähnt.
Der Name Hessen tritt erst seit dem Jahre 719 auf. Ihre Ahnen, die Chatten, waren ein Stamm der Sueven. Das Stammland der Chatten war aber zu klein, um die nötigen Soldaten liefern zu können. Daher dehnten die Sueven (Chatten) zur Zeit Julius Cäsars ihre Herrschaft im Westen über den ganzen Lahngau bis zum Rhein aus. Nach Norden zu drangen sie über die Werra in das Land der Cherusker ein. Die suevischen Hermunduren wurden Besitzer des thüringischen Reiches. Ja, noch jenseits der Elbe fand sich ein mächtiges, bis zur Ostsee reichendes Suevenreich. Suevische Scharen stießen sogar bis nach Südwestdeutschland vor, und der Suevische stamm der Anglier (Angeln) heftete seinen Namen dem stolzen Britannien an.
Diese Eroberungen müssen aber schon sehr früh geschehen sein, sicher schon Jahrhunderte eher, als die Geschichte die Namen der Völker nennt. Bleibende Bedeutung hatten freilich nur die Eroberungen im Lahngau und im Lande der Cherusker. Man denke an den sächsischen Hessengau in der Diemelgegend. Dieser ist freilich nur der Rest der im Cheruskerlande gemachten Eroberungen, die als zum größten Teile wieder verloren gingen. An die Stelle des Gesamtnamens Sueven trat die Bezeichnung "Franken". Seit der Ausdehnung des fränkischen Königtumes über Thüringen und Gallien gehörte Hessen zu Ostfranken oder dem Ostlande (Austrasien).
Was die Verfassung anbetrifft, so hatten die Hessen zuerst Häuptlinge. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts hören wir zuerst von Grafen, die dem durch den Lahngau und den sächsischen Hessengau erweiterten Hessenlande vorstanden. Sie führen zuweilen auch den Herzogsnamen. Hedwig, die Tochter des Grafen Giso von Gudensberg, vermählte sich mit dem Grafen Ludwig von Thüringen. Hessen, ihr Erbe, fiel dadurch an Thüringen. Nach Ludwigs Tode teilten seine Söhne das Erbe in zwei Teile, so dass der ältere Ludwig die Landgrafschaft Thüringen mit der Hersfeldischen Vogtei, der jüngere Heinrich aber die Grafschaft Hessen erhielt. Da letzterer 1115 kinderlos starb, vereinigte das Ganze sich wieder in Ludwigs Händen. Als im Jahre 1247 das thüringische Landgrafenhaus mit Heinrich Raspe ausstarb, kam es um das Erbe zu einem langen Streit zwischen dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen und der Herzogin Sophie von Brabant, einer Tochter der heiligen Elisabeth. Endlich einigten sich die Streitenden, und Sophies Sohn, Heinrich das Kind, wurde 1263 der erste Landgraf von Hessen und damit der Gründer des hessischen Fürstenhauses.
Um das Jahr 1000 gehörte der hessische Landstrich an der unteren Werra zur Grafschaft Northeim, deren bekanntester Vertreter der aus der Geschichte des Frankenkaisers Heinrich IV. bekannte Graf Otto von Northeim ist. Auch findet man die Bezeichnung "Braunschweigische Grafschaft an der Werra". Durch Erbschaft gelangte dies Gebiet an Herzog Heinrich den Löwen, den anfänglichen Freund und nachmaligen Feind Kaiser Rotbarts, der mit starker Hand die Herzogtümer Sachsen und Bayern beherrschte. Nach dessen Ächtung wurde dieser Landstrich vom Landgrafen von Thüringen besetzt, später aber dem Welfenhause wiedergewonnen, wahrscheinlich durch Otto das Kind, den ersten Herzog von Braunschweig-Lüneburg (1235). Einer von seinen Nachfolgern, Albrecht der Große, unternahm im Jahre 1263 als Bundesgenosse seiner Schwiegermutter, der Herzogin Sophie von Brabant der Tochter der heiligen Elisabeth und Mutter Heinrich des Kindes von Hessen), einen Kriegszug gegen den Markgrafen Heinrich von Meißen in die Gegend von Merseburg und Naumburg. Er hatte das Unglück, gefangen genommen zu werden, worauf er bei seiner Freilassung die Abtretung der Städte und Schlösser Eschwege, Allendorf, Witzenhausen, Arnstein, Fürstenstein, Bielstein, Sontra und Wanfried einwilligen mußte. (1265) Damals ging dieses Gebiet für immer dem Hause Braunschweig verloren. Bei dem Friedensschlusse trat dann Thüringen die Grafschaft an der Werra gegen den Verzicht auf Thüringen an Hessen ab.
Trotzdem finden wir noch in den nächsten Jahrhunderten die zu Beginn des 15.Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen von Everstein als Lehnsherrn in verschiedenen Ortschaften, die heute zum Kreise Witzenhausen gehören. In die lehnsherrlichen Rechte trat infolge von Erbschaft das Haus Braunschweig-Lüneburg ein. Auch auf die in der älteren Zeit echt plattdeutschen Namensformen der Dörfer Marzhausen (Martakeshusen), Eichenberg (Ekeneberge), Gertenbach (Gardenebiki) und Hübenthal (Huvinadal) sei hingewiesen.
Im 16. Jahrhundert lag nördlich der alten Stammesgrenze das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, während sie im Süden von der Landgrafschaft Hessen und dem kurmainzischen Eichsfelde berührt wurde. Die Ursache der damals entstehenden Streitigkeiten ist in dem mittelalterischen Lehnswesen zu suchen. Dies bestand, kurz gesagt, darin, daß ein mächtiger Grundherr (meistens der Landesherr) an Adelige Ländereien und andere Güter gegen geringes Entgelt als Lehen zur Nutzung überließ. Oft kam es vor, daß ein Lehnsmann zwei oder mehreren Lehnsherrn verpflichtet war. Das war besonders häufig an den Grenzen der Fall. So waren z. B. die Herren von Bodenhausen zugleich hessische und braunschweigische Lehnsleute. Da sie mehr zu Hessen hielten, ist es kein Wunder, daß sie die Interessen der Gegenseite nicht wirksam genug vertraten, ja, diese sogar bekämpften.
Hand in Hand mit den politischen Zwistigkeiten gingen meistens die konfessionellen. Mit dem Erlaß der Verbesserungspunkte vom Jahre 1607 durch den Landgrafen Moritz von Hessen sollte die reformierte Lehre auch in den mit Braunschweig streitigen Ortschaften zum Siege geführt werden.
Außerdem sei noch bemerkt, daß die drei adeligen Familien der streitigen hessischen Grenzlandschaft aus Niedersachsen stammen. Die von Berlepsch aus dem im Kreise Münden gelegenen Dorfe Barlissen, die von Bischoffshausen aus der Hoyer Gegend und die von Bodenhausen von der gleichnamigen (heute wüsten) Burg bei Ballenhausen im Landkreise Göttingen.