Grenzöffnung

"Wahnsinn!"

Gedanken zum 20. Jahrestag der Grenzöffnung
von Sven Schreivogel

Neu-Eichenberg. Meine Güte, wie die Zeit vergeht! 20 Jahre sind vergangen, seit ich einen Brief an meinen Onkel, der im kanadischen Vancouver wohnt, schreiben wollte. Er war 1957 mit Frau und Kind in die Provinz British Columbia ausgewandert. Trotzdem hatte er sich – als gebürtiger Berliner – immer für die Entwicklung seiner Heimat interessiert. Am Morgen des 12. Novembers 1989 saß ich (damals gerade 17 Jahre alt) am Schreibtisch und versuchte, das Geschehen dieser Tage in Worte zu fassen. Die Berliner Mauer, Symbol für die deutsche Teilung, war gefallen. An allen Übergängen entlang der deutsch-deutschen Grenze herrschte Ausnahmezustand. Mein Vater, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, musste zum Einsatz nach Herleshausen – und konnte nach seiner Rückkehr vor lauter Tränen kaum was her ohne Führerschein, legte ich die etwa drei Kilometer zu Fuß zurück. Das Bild werde ich nie vergessen:

Dicht gedrängt schlängelten sich Trabis und Wartburgs die B 80 herunter; vor lauter Auspuffgasen, die sich wie ein dichter Nebel übers Tal gelegt hatten, konnte ich Schloss Arnstein kaum noch erkennen. Und überall liefen Menschen umher und fielen sich gegenseitig in die Arme. „Wahnsinn!“ rief ein junger Mann zu mir herüber. „Das ist echt Wahnsinn, oder?“ In der Tat: Es war unfassbar. Die deutsch-deutsche Grenze, auf die ich 17 Jahre lang jeden Tag aus dem Fenster meines Elternhauses geblickt hatte, war gefallen. Die Bilder, die wir kurz zuvor aus Berlin gesehen hatten, galten jetzt auch für die Provinz. Wahnsinn, ja! Ein halbes Jahr später folgte auf dem Streckenabschnitt Eichenberg – Arenshausengrenze89 der erste Lückenschluss im degrenze89utschen Eisenbahnnetz nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Ereignis, das von mehreren tausend Menschen und der gesamtdeutschen Presse gefeiert wurde. Und am 3. Oktober 1990, nicht mal ein Jahr nach dem Fall der Mauer, war Deutschland wieder vereinigt.

Mit der Grenzöffnung bin ich übrigens nicht nur privat, sondern auch beruflich immer wieder konfrontiert worden. Mitten in meiner Schauspielausbildung spielte ich einen Reporter in Niklaus Schillings Kinofilm „Deutschfieber“ (1991), der Fortsetzung des legendären „Willi-Busch-Reports“ (1979). In der Szene ging’s um einen Freundschaftsvertrag zwischen Friedheim alias Wanfried im Westen und Burgstadt alias Treffurt im Osten. Als Journalist habe ich für den MB-Media Verlag von 1999 bis 2002 den damaligen Marktspiegel-Ableger im Eichfeld, den Blickpunkt Heiligenstadt, betreut. Es war eine sehr angenehme Zusammenarbeit mit den dortigen Kollegen. Natürlich haben wir auch über den zehnten Jahrestag des Mauerfalls berichtet. Der Cousin meiner Mutter war früher Revierförster auf dem Lengenberg in der Nähe von Heiligenstadt; er hatte mir bereits Anfang der 1990er Jahre den östlichen Teil des Eichsfeldes gezeigt. Für meine spätere Arbeit als Redakteur war die Kenntnis der Region, die ich durch die gemeinsamen Touren mit ihm erhalten hatte, sehr wertvoll. Inzwischen ist die Normalität im Dreiländereck von Hessen, Niedersachsen und Thüringen eingekehrt; die Natur hat sich des ehemaligen Todesstreifens bemächtigt, die eine oder andere Grenze in den Köpfen ist jedoch geblieben. Für die Ereignisse vor 20 Jahren empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Wir sollten dankbar sein für die friedliche Revolution, die von mutigen Menschen – unseren Nachbarn – herbeigeführt wurde.

PS: Meinen Onkel in Kanada habe ich im Sommer 1990 besucht, im Gepäck eine VHS-Kassette mit der NDR-Dokumentation „Ein Volk sprengt seine Mauern“. Auch auf der anderen Seite der Erde flossen beim Anblick dieser unglaublichen TV-Bilder viele Tränen ...